
Neulich, in einem Team, das ich begleite. Montagmorgen, Daily. Der Teamleiter verkündet beiläufig: „Übrigens, ab nächster Woche erfassen wir alle Tasks zusätzlich in einem zweiten Tool. Ist so beschlossen.“
Stille. Dann ein vorsichtiges „Warum?“ aus der hinteren Reihe. Der Teamleiter zuckt mit den Schultern. „Kam von oben.“
Ich kenne diesen Moment. Du vielleicht auch. Es ist der Moment, in dem eine Entscheidung im Raum steht, die keinen Sinn ergibt, und niemand sagen kann, wo sie herkommt. Als Coach habe ich in solchen Momenten zwei Reflexe: den Kopf schütteln und Detektiv spielen. Ich habe mich fürs Detektivspielen entschieden.
Ermittlungen
Tatort: ein Quartalsplanungsmeeting, drei Wochen früher. Ich habe nachgefragt, rekonstruiert, mit Leuten gesprochen. Und nach und nach tauchte ein Bild auf, das so absurd war, dass es schon wieder logisch wurde.
Da war ein Bereichsleiter, der sich seit Monaten darüber ärgerte, dass er „nie weiss, woran die Teams gerade arbeiten“. Ein echtes Problem, wenn auch eines, das mit dem Daily des Teams herzlich wenig zu tun hatte. Er trug es seit Wochen mit sich herum.
Da war ein Tool, das ein Anbieter ein paar Tage zuvor in einer Demo vorgeführt hatte. Hübsche Dashboards, viel Grün. Jemand hatte begeistert davon erzählt. Die Lösung lag also schon im Raum, bevor irgendwer eine Frage gestellt hatte.
Da war ein Budgetfenster, das Ende Quartal schloss. Wer bis dahin nichts beantragt, hat im nächsten Jahr nichts.
Und da war eine Handvoll Leute, die zufällig an diesem Dienstagnachmittag Zeit hatten. Die zwei, die das Team wirklich kannten, waren im Urlaub, beziehungsweise in einem anderen Meeting.
Problem, Lösung, Entscheidungsgelegenheit, Teilnehmer. Alle vier im selben Raum, zur selben Zeit. Man muss kein Genie sein, um zu sehen, was passiert ist: Das Problem fand die Lösung. Nicht weil sie zusammenpassten, sondern weil beide gerade da waren und die Zeit drängte. Entscheidung getroffen, Protokoll geschrieben, Haken dran.
Der Mülleimer hat einen Namen
1972 haben die Organisationsforscher Michael Cohen, James March und Johan Olsen genau dieses Phänomen beschrieben, in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „A Garbage Can Model of Organizational Choice“. Ihre Beobachtung: In vielen Organisationen laufen Probleme, Lösungen, Teilnehmer und Entscheidungsgelegenheiten als vier weitgehend unabhängige Ströme nebeneinander her. Wie in einen Mülleimer wirft man alles hinein, und was am Ende als Entscheidung herauskommt, hängt stark davon ab, was gerade zufällig gemeinsam im Eimer lag.
Besonders anfällig sind laut den Autoren sogenannte „organisierte Anarchien“: Organisationen mit unklaren Zielen, unklaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und wechselnder Beteiligung. Wenn du jetzt an Universitäten denkst, liegst du richtig. Wenn du an deinen letzten Arbeitgeber denkst, auch.
Das Beruhigende daran: Es liegt nicht an dir und auch nicht an den Menschen im Raum. Es ist ein strukturelles Phänomen. Das Beunruhigende: Es passiert ständig.
Wo der Planungshorizont ins Spiel kommt
Hier schliesst sich der Kreis zu etwas, über das ich vor Kurzem geschrieben habe: dem Planungshorizont. Ich habe damals gesagt, dass jedes Meeting einen Planungshorizont haben sollte, und dass viele Meetings aus der Flughöhe geraten, weil niemand fragt, für welchen Zeitraum hier eigentlich geplant wird.
Der Garbage Can liefert die Erklärung dazu, warum das so oft schiefgeht. Eine Entscheidungsgelegenheit ohne klaren Horizont ist wie ein offener Eimer: Alles, was gerade herumliegt, darf hinein. Ein Daily, das zum Reporting wird, ist ein Eimer, in den der Bereichsleiter sein Informationsbedürfnis wirft. Ein Quartalsmeeting ohne Fokus ist ein Eimer, in den der Tool-Anbieter seine Demo wirft. Und weil niemand den Rand des Eimers definiert hat, landet am Ende alles drin.
Man könnte sagen: Teds Büro hatte immerhin ein Poster an der Wand. Viele Meetingräume haben nicht mal das.
Was du als Coach, Scrum Master oder Teamleiterin tun kannst
Gegen den Mülleimer hilft kein Pamphlet und kein weiteres Framework. Es hilft, ihn sichtbar zu machen. Drei Fragen, die ich inzwischen fast reflexartig stelle, wenn eine Entscheidung rätselhaft wirkt:
Welches Problem löst das genau, und wer hat es? Wenn die Antwort lange dauert oder bei jemandem landet, der nicht im Raum war, ist der Eimer verdächtig.
Wann und wo wurde das entschieden, und wer war dabei? Sehr oft erklärt die Teilnehmerliste mehr als jede Strategie.
Gibt es dieses Problem überhaupt noch? Manche Lösungen überleben ihr Problem um Jahre.
Und ein kleiner Trick zum Schluss: Wenn du selbst eine Entscheidungsgelegenheit organisierst, lege zuerst den Rand des Eimers fest. Worüber entscheiden wir heute, für welchen Zeitraum, mit wem? Was nicht dazu passt, darf draussen bleiben, auch wenn es gerade sehr verlockend herumliegt.
Die Auflösung
Zurück zu meinem Team. Ich habe die Geschichte rekonstruiert und beim nächsten Daily kurz erzählt, ohne Schuldzuweisung. Es wurde viel gelacht, und dann ein bisschen still. Am Ende haben wir gemeinsam die Frage geklärt, die hinter der Entscheidung stand: Wie kann der Bereichsleiter erfahren, woran die Teams arbeiten, ohne dass jeder Task doppelt erfasst wird?
Die Antwort war ein kurzes, wöchentliches Update auf Sprintziel-Ebene. Fünf Minuten statt fünfzig Tickets. Das zweite Tool bekam keinen Zuschlag, und das Dashboard-Grün muss der Anbieter anderswo verkaufen.
Das war keine Revolution. Nur ein Eimer, in den diesmal jemand reingeschaut hat, bevor er geleert wurde.
Hinweis: Die Geschichte ist eine verdichtete, anonymisierte Zusammenstellung typischer Situationen aus der Beratungspraxis.
Quelle
- Cohen, M. D., March, J. G., & Olsen, J. P. (1972). A Garbage Can Model of Organizational Choice. Administrative Science Quarterly, 17(1), 1–25. https://doi.org/10.2307/2392088





